Die amerikanische Prinzessin – Annejet van der Zijl

 

 

 

Warum spürt man jahrelang einer Frau nach, die nie ein bedeutendes politisches Amt bekleidete, nie eine Größe in Kunst und Kultur darstellte und auch keine Medaillen in einer sportlichen Disziplin sammelte? Es muss eine beeindruckende Persönlichkeit von innerer Strahlkraft gewesen sein, jemand, der anrührt durch die Art, wie er sein Leben führte. Für Annejet van der Zijl war es Allene Tew: „Und sei es nur, weil sie mich mit etwas angesteckt hat, das ich vorher vielleicht nicht erwartet oder gesucht hatte, wovon man jedoch nie zu viel haben kann: Hoffnung und guten Mut.“ Durch das Attribut „gut“ bringt van der Zijl klarstellend zum Ausdruck, dass Allene Tew keine Hasardeurin war, sondern mit Umsicht ihre persönlichen Grenzen, die ihr Herkunft, Stand und Geschlecht zu setzen schienen, stetig weiter gesteckt hat. Und wenn das Schicksal sie in eine Rolle zwängte, nahm sie diese nur so lange an, bis sie wieder eine neue, ihren Vorstellungen gemäße gefunden hatte.

 

1872 in der rauen Provinzstadt Jamestown im Norden der USA geboren wird sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1955 fünf Ehen geschlossen, die große Liebe ihres Lebens und ihre drei Kinder vorzeitig zu Grabe getragen haben. Allene Tew wird zu großem Reichtum gelangt sein und ihn durch die Weltwirtschaftskrise 1929 wieder eingebüßt haben. Sie wird in Abwandlung des alten österreichischen KuK-Leitmotivs „Tu felix Allene nube“ in den deutschen Hochadel eingeheiratet, den Titel Prinzessin geführt und eine maßgebliche Rolle bei der Eheanbahnung von Bernhard zur Lippe-Biesterfeld und Kronprinzessin Juliana der Niederlande gespielt haben. Sie wird mit Dwight D. Eisenhauer und anderen Größen aus der Zeit auf Du und Du und an der Seite ihres dritten Ehemannes Anson Burchard auf diplomatischer Mission in Asien und Europa unterwegs gewesen sein. Sie wird ein Landhaus für alleinerziehende werktätige junge Mütter eingerichtet haben uswusf.

 

Es ist nicht der Liz-Tylor-like Eherekord, der an Allene Tew fasziniert. Es ist ihr Mut, sich in neue Lebenssituationen hinein- und mit eben jenem Mut auch wieder hinausbegeben zu haben, wenn sie erkannte, dass ihr Traum vom Glück ausgeträumt und keine weitere Anstrengung versprach, ihn in der konkreten Lebenssituation, in der sie sich befand, wiederzubeleben. Ihr erster Mann Tod Hostetter, Millionenerbe, versinkt in seiner Spielsucht, die die Familie zu ruinieren droht. Sie verlässt ihn mit den gemeinsamen Kindern. Ihr zweiter Mann Morton Nichols verbringt sein Leben in Clubs und spielt ebenfalls. Allene Tew lässt sich scheiden. Als ihr dritter Mann, ihre große Liebe, überraschend verstirbt, bricht sie die Zelte in New York ab und geht nach Europa. Dort findet sie ihren deutschen Prinzen Henry Reuß, der ihr Geld heiratet und ihr den Titel gibt. Als er beginnt, sie schlecht zu behandeln, und zunehmend mit den Nationalsozialisten sympathisiert, lässt sie sich erneut scheiden, um wenig später den bedeutend jüngeren Grafen russischer Abstammung, Paul von Kotzebue, zu ehelichen.

 

Bemerkenswert ist Allene Tews Umgang mit Unglück und herben Verlusten. Sie zerbricht nicht daran, sondern lebt ihr Leben nach ihrem Glücksprinzip weiter: „If one has the will and persistance, one can do things.“ Sie reagiert nicht wie eine Plattennadel, die die Spurrille auf dem Vinyl nicht verfolgen kann, weil ein Kratzer ihre Bahn stört. Der Tod ihrer Lieben lässt sie nicht immer und immer wieder zurückspringen und die gleiche Stelle auf ihrer Lebensplatte intonieren. Sie sucht und findet andere Menschen, die sie lieben kann, bleibt neugierig, wer und was da noch kommt. Barbra Streisand könnte Allene Tew gemeint haben, als sang: „People who need people are the luckiest people in the world.“

 

Es ist Annejet van der Zijl zu verdanken, diese bemerkenswerte Frau, die zeitlebens „das aufgeweckte Mädchen aus Jamestown mit unbefangenem Blick voll Interesse auf die Welt und die Menschen“ geblieben ist, kennengelernt zu haben. Der Autorin gelingt es, auf knappsten Raum das Bilderbuch eines Jahrhunderts aufzuklappen. Sie beherrscht die Kunst der Verdichtung, erzählt auf rd. 220 Seiten die US-amerikanische Geschichte der Besiedelung, der Industrialisierung, aber auch Europas Taumel in zwei Weltkriege anschaulich und kenntnisreich. Geschickt vermeidet Annejet van der Zijl, so zu tun, als seien ihre Überlegungen die der Allene Tew. Sie verfolgt deren Lebensweg wie eine interessierte, bestens orientierte Beobachterin. Es ist ein warmherziger Blick, aber aus der nötigen Distanz einer Biografin. Und um das Leseerlebnis perfekt zu machen, wählt Annejet van der Zijl eine dosiert lyrische, bildreiche Sprache, ohne je in den Kitsch abzustürzen. Der gute Eindruck ist sicher auch der Übersetzung von Marianne Holberg geschuldet.

 

Es sei noch angemerkt, dass „Die amerikanische Prinzessin“ im Mittelteil mit zwei Bilderteilen aufwartet, die Allene Tew, ihre Ehemänner, Kinder etc. zeigen. Darüber hinaus wird man als Leser mit ausführlichen Quellenangaben, Personenregister, aber auch kapitelbezogenen Anmerkungen & Übersetzungen verwöhnt.

 

Resümee: Annejet von der Zijl hat eine herausragende Biografie geschrieben, so wie Allene Tew eine beeindruckende Persönlichkeit war. Für mich ist sie ein Role Model, von dessen Schlage ich mich glücklich schätzen darf, auch eines – wenn auch ein nicht so glamouröses – in der Familie gehabt zu haben: meine Großmutter mütterlicherseits. Aber das ist eine andere Geschichte. Die erzähle vielleicht ich ein anderes Mal.

 

Der Titel „Viel Lärm um nichts“ hätte den Kern des Romans von Eric Idle besser getroffen, ist aber bekanntermaßen schon vergriffen: Schlag nach bei Shakespeare!

Der Roman erzählt die Geschichte des semi-erfolgreichen und ebenso begabten Drehbuch- und Gagschreibers Stanley Hay, der davon träumt, endlich Schriftsteller zu sein. Seinem Agenten gelingt es, ihm ein Gespräch mit Richard Hume, dem Verantwortlichen eines renommierten Verlags, zu verschaffen, der für sein Sommerprogramm noch Sun & Fun-Storys sucht, die sich rasch zwischen Buchdeckel pressen lassen. Hay nutzt die Gunst der Stunde und pitcht Hume die Idee seines Reality-Romans an den Kopf, in welchem er sein Leben und Treiben als Drehbuchautor mit Stars und Sternchen in Tinseltown bereits niedergeschriftet habe. Hume beißt an.

Und schon beginnt die Maschinerie zu rattern: Vorabankündigung, Interviews für Printmedien, Funk & TV. Das Buch wird gehypt, sein Autor schon vor dem Erscheinen abgefeiert. Die Vorverkaufszahlen schießen durch die Decke, Spekulationen ins Kraut, wessen Bettdecke gelupft wird. Jennifers, Angelinas oder gar Georges? Die schlüpfrigen Details werden landesweit geteilt. Internetseiten, die bereits ihre Dechiffrierdienste anbieten, plöppen auf. Leno, Lettermann & Co. steigern ihre Einschaltquote mit dem polyamorösen, gutaussehenden Shootings Star. It-Girls, aktuelle und verwelkte Größen der Zunft wollen ihn treffen. Die einen, um sicherzustellen, dass sie nicht, die anderen, dass sie ja bloß dabei sind. Denn die einen können sich nicht mehr erinnern, ob sie das Kerlchen vernascht oder sich von ihm haben vernaschen lassen. Den anderen hingegen ist es egal, ob die Story stimmt – Hauptsache Publicity. Im Übrigen kann, was nicht ist, ja noch werden.

Hay lässt nichts anbrennen. Der Veröffentlichungstermin rückt näher. Allein, es fehlt der Roman. Vor lauter PR, aber auch hemmungsloser Prokrastination, gepaart mit Gehirnverschluss hat der junge Mann das Wesentliche vergessen, nämlich das zu schreiben, worüber alle schon reden, um sich an seinen 15-Minuten-Ruhm anzukletten und mitzuverdienen. Am Ende platzt die Blase. Es kommt heraus, dass sich alles um nichts drehte. Der große Shitstorm bleibt aber wegen des zweiten Desert Storm der Koalition der Willigen aus. Der neue heiße Scheiß sind die US-amerikanischen Bomben, die in Bagdad einschlagen, um die Welt vor den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu bewahren. Der nächste Fake, wie wir heute wissen, leider mit echten Toten auf allen Seiten. Hay kommt glimpflich davon. Seinen Roman schreibt er am Ende doch noch. Und den haben wir nun zu lesen bekommen.

Ist „The Writer’s Cut“ eine bitterböse Satire? In 2003, dem Jahr, in dem er spielt, wäre er bestimmt als solche aufgenommen worden. Aber in 2018 nimmt man die zugespitzte Darstellung kaum noch als Übertreibung wahr. Wir sind überzeugt, bereits hinter jede Kulisse geschaut zu haben und sind nur allzu bereit zu glauben, das Geschilderte liefe genauso ab. Tut es das wirklich? Ich wette, dass der Lügenbold Hay dieser Tage deutlich schneller enttarnt worden wäre. Ich wette nur nicht darauf, dass es seiner Karriere sofort den Garaus gemacht hätte. Heute will man die gute Absicht hinter der Lüge länger glauben als früher.

Lassen wir den Roman daher als Satire durchgehen. Dürfen Idle und sein Verlag eine solche papiergewordene politische Inkorrektheit in Zeiten der #metoo-Debatte ungestraft veröffentlichen? Schließlich bläst hier dem Protagonisten nicht nur Hollywoods "scharfer" Wind ins Gesicht. Der Schlüsselloch-Whistleblower tobt sich in seinem Werk ausgelassen über manchen Blowjob aus. Viele der Frauen, die Idle Hay begegnen lässt, werden als Schlampen dargestellt, die Sex als Mittel zum Zweck einsetzen. Müsste nicht ein Shitstorm über Idle losbrechen? Leistet er nicht dem Klischee Vorschub, dass die Opfer von sexuellen Übergriffen und Missbrauch selber schuld sind, weil in Hollywood die Nummer auf der Besetzungscouch zur Folklore gehört, zumindest bisher billigend in Kauf genommen wurde, wenn man sich in dieses Business begab? Man „gebraucht“ andere für eigene Zwecke und wird für fremde Zwecke „gebraucht“. Wird da nicht allzu fröhlich die Trennlinie zum Missbrauch verwischt?

In den USA ist „The Writer’s Cut“ Ende 2015 als E-Book erschienen. Da tobte die Debatte noch nicht so großflächig. Idle schlupfte durch die Maschen.

Nun erscheint das Buch hier zu einem Zeitpunkt, wo die Debatte herüberschwappt und erste prominente Säue durchs Dorf gejagt werden, wobei noch ungeklärt ist, ob die jeweilige Sau tatsächlich eine ist.

Was will uns der Roman dazu sagen? Ich glaube nichts, weil a) die Debatte bei der Niederschrift nicht im Fokus des Autors stand und b) er eine Satire über das branchenspezifische „Much ado about nothing“ geschrieben hat. Und da darf er im Dienste der Übertreibung sich jedes Klischees bedienen, auch das der Schlampe, die sich hochschläft oder -bläst. Satire darf das auch in Zeiten von #metoo.

Muss man „The Writer’s Cut“ gelesen haben? Aus literarischen Gesichtspunkten sicher nicht. Die Romanidee hat einen Bart, der bis zu „Des Kaisers neue Kleider“ reicht. Die Wendungen sind vorhersehbar, die Umsetzung ist konventionell: ein Ich-Erzähler plaudert aus der Retrospektive.

Sprachlich blitzt jedoch großer Wortwitz durch, den der Übersetzer Julian Müller originell ins Deutsche gerettet hat. Und ja, man kann darüber lachen, wenn der Humor das eigene Komikzentrum trifft. Meines wurde bedient.

Fazit: „The Writer’s Cut“ ist „Die nackte Kanone“ unter den Satiren über die Traumfabrik Hollywood – derb, laut und ziemlich 80er. Manche Pointen setzt Idle mit dem Vorschlaghammer. Dies ist jedoch der Erzählperspektive geschuldet. Stanley Hay erzählt. Und der ist nun mal nicht so ein Könner wie der ehemalige Monty Python Eric Idle, dem wir den Klassiker "Always look on the bright side of life" verdanken. Doch es gibt sie auch: boshafte, treffende Spitzen, die den Roman unter dem Strich zu guter, nicht unintelligenter Unterhaltungsliteratur machen: „Wir sind im postironischen Zeitalter. Mit Reality-TV haben wir die Ironie endgültig hinter uns gelassen. Genau wie die Politik. Da sitzt ein Clown im Weißen Haus, und keiner lacht.“ Gemeint ist George W. Bush. Aber, hey, wer sitzt da heute? Und wer lacht? Eben.