Roter Herbst in Chortitza von Tim Tichatzki

 

Es ist die Geschichte der beiden Jungen Willi und Maxim, die Tim Tichatzki erzählt. Sie beginnt in Osterwick/Ukraine in den Wirren des Ersten Weltkrieg und endet nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Lager in Sibirien. Willi Bergen lebt mit seiner Familie in einer deutschstämmigen mennonitischen Gemeinde. Sie betreiben Landwirtschaft. Die Angelegenheiten der Gemeinschaft regelt ein Brüderrat. Die Arbeit ist hart, aber die Lebensverhältnisse im Zarenreich sind geordnet. Dann brechen die Oktoberrevolution und ihre Auswirkungen auch über Osterwick herein. Maxim und sein Vater Juri Orlow sind als Flüchtlinge von den mennonitischen Christen aufgenommen worden. Unerbittlich bekriegen sich die Rote Armee und die Weißen, Anhänger des gestürzten Zaren. Die Zivilbevölkerung erlebt unvorstellbare Gräuel. Marodierende Banden, wie die zeitweilig mit der Roten Armee verbündeten Machnowzi, ziehen plündernd und mordend über das Land. Maxims Vater wird ermordet, als er sich schützend vor Willis Mutter stellt. Maxim ist untröstlich und verschwindet. Der Vierzehnjährige schlägt sich nach Sewastopol zu seinem Onkel durch. Unterwegs rettet er Anton Kalinin, einem Tschekisten, das Leben. Die Begegnung wird das Leben von Maxim maßgeblich prägen.

Derweil werden die Bauern ihrer Vorräte und des Saatguts beraubt. Ob durch Banden oder später unter Stalin durch staatlich geforderte, irrwitzig hohe Abgabequoten, das Ergebnis ist dasselbe: Hungersnöte, Elend und Tod. Willis Eltern verhungern. Er wird mit seinen Geschwistern bei seiner Schwester und seinem Schwager Konrad groß. Das Interesse des inzwischen 22-Jährigen gilt bald Elisabeth, der er erfolgreich einen Antrag macht. Doch die Ausläufer des Großen Terrors unter Stalin, der ab 1927 die Alleinherrschaft innehatte, sind bereits spürbar. Die Religionsausübung wird eingeschränkt, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wird vorangetrieben und eine totalitäre Diktatur mit äußerster Brutalität errichtet. Verschleppung, Folter, Massenexekutionen sind an der Tagesordnung. Während Willi - durchaus zweifelnd - versucht, seinem Glauben treu zu bleiben und ihn an seine Kinder zu vermitteln, schließt Maxim sich den Tschekisten an und macht Karriere in Stalins Schlächter-Hierarchie, in der Soziopathen wie Lawrenti Beria und Wassili Blochin, der Henker mit der Lederschürze, unaufhaltsam aufrücken und ihren Sadismus ausleben können. Auch Anton Kalinin weckt bald das Misstrauen seiner Vorgesetzten. Maxim wird vor die Wahl gestellt: blinder Gehorsam oder Tod. Er entscheidet sich für den Verrat, wird unter Blochin zum Massenmörder abgerichtet und ertränkt seine Desillusionierung über seine und die Entwicklung der Revolution im Alkohol.

Willi, seine Ehefrau und die vier Kinder erleben die Besetzung durch die Deutschen. Als deren Niederlage droht, werden sie zunächst nach Bendsburg/Polen evakuiert. Dort wird der zur Gewaltfreiheit erzogene Willi genötigt, im Volkssturm die Waffe gegen die herannahende Rote Armee zu erheben. Er wird gefangen genommen, seine Familie nach Thüringen verbracht. Willi kann fliehen und schlägt sich zu seiner Familie durch, die bei einem behördlicherseits zur Gastfreundschaft genötigten Bauern untergekommen ist. Die Wiedersehensfreude währt nur kurz. Das unter US-amerikanischer Verwaltung stehende Thüringen wird von den Alliierten der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) zugeschlagen. Stalins Programm der Repatriierung trifft Willi und seine Familie. Sie werden nach Sibirien deportiert. Dort treffen sie auf einen Lagerkommandanten, den Willi aus Kindertagen kennt und doch nicht wiedererkennt …  Willkür, Gewalt, Hunger und Tod in Lagerhaft werden das Leben der Familie noch prägen bis nach Stalins Tod. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird den Überlebenden die Ausreise nach Deutschland erlaubt. Dort feiern sie und ihre Nachfahren noch heute Weihnachten nach alter Sitte. Und der in die Familie Bergen eingeheiratete Tim Tichatzki hat sich der Mühe unterzogen, ihre Geschichte in seinem Roman niederzuschreiben.

Das gelingt ihm mit Bravour. Die Begebenheiten sind in den sehr gut recherchierten historischen Kontext eingebettet. Tichatzki wählt dabei eine die schrecklichen Ereignisse kontrastierende „gepflegte“ Sprache und vermeidet effekthaschende Thriller-Prosa. Man watet nur dort durch Blutlachen, wo es nicht sinnentstellend ausgeblendet werden kann, z. B. in den Kellern, in denen der Mann mit der Schürze pro Nacht zwischen 250 bis 300 Menschen erschoss.

Der Aufbau des Romans ist für die Menge an verarbeitetem Stoff gut gewählt. In die einzelnen Kapitel führen Überschriften unter Angabe des Ortes und der Zeit ein.

Tichatzki erteilt eine gerade in der heutigen Zeit bitter nötige Geschichtsstunde. Ihm gelingt es aufzuzeigen, ohne seine Charaktere in Schwarzweiß zu plakatieren, wie Individuen im Kampf ums bloße Überleben von totalitären Regimen gebrochen werden. Niemand ist nur gut, niemand nur böse. Während einige über sich hinauswachsen, durchaus zweifelnd und vor Angst zitternd, werden andere zu Helfershelfern oder gar zu Tötungsmaschinen abgerichtet – mit dem ihrer Durchschnittlichkeit innewohnenden Rechtfertigungsreflex, doch nur Befehlsempfänger zu sein. Sicher, man hat immer eine Wahl. Aber wir sollten froh sein, seit Jahrzehnten in Frieden und rechtsstaatlicher Ordnung leben zu können, ohne bisher vor diese Wahl gestellt worden zu sein. Aber am Horizont formieren sie sich wieder, die Schreihälse nach einer strikteren nationalen und gesellschaftlichen Ordnung, die Weiß für ihre Farbe und Schwarz für das von ihrer Norm abweichende Andere halten, das es aus ihrem Malkasten fernzuhalten gilt. Und sie geben vor das christliche Abendland retten zu wollen. Wie beschämend und alarmierend zugleich. Der Zeitpunkt unserer Wahl naht. Wenn man sich dieser Tage in Europa umsieht, die Erosion der politischen Mitte und das Erstarken vor allem der rechten Ränder beobachtet, die wachsende Ressentiments gegen Geflüchtete oder Menschen muslimischen Glaubens für ihre Staatsbürgerpflicht halten, dann kommt „Roter Herbst von Chortitza“ von Tim Tichatzki keinen Tag zu früh. Dabei ist es von besonderem Wert, dass der Roman das Schicksal einer Familie nachzeichnet, in der letzte Überlebende des totalitären Horrors und der entfesselten Gewalt heute noch Zeugnis ablegen können, ja durch Preisgabe ihrer Geschichte an den Autor abgelegt haben.

Meinen großen Dank an Tim Tichatzki für die Niederschrift, aber vor allem an die Familie Bergen für das sicher schmerzliche Erinnern ihrer Geschichte. Und danke für die gemahnende Widmung meines Leseexemplars: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,9) Ich hoffe, dass nicht nur ich mir im Umgang mit anderen, sondern auch die Retter des christlichen Abendlandes sich diese Verheißung zu Herzen nehmen.

Grüße auch ans neue bundesdeutsche Heimatministerium. Heimat ist, wo man seinen Glauben leben darf.

 

 

Alles was glänzt von Marie Gamillscheg

 

Ach herrje! Selten war ich so hin- und hergerissen, nachdem ich die Buchdeckel nach 219 - zum Teil arg langen - Seiten zugeklappt hatte. Ich fühlte mich wie der beschriebene Berg, der in zwei Hälften auseinanderzubrechen droht.
In meine Bauchstimme, die „So ein Schmarrn!“ resümierte, mischte sich sofort die differenzierende Kopfstimme mit einem überzeugten „Nee, im Gegenteil.“
Wovon handelt der Debütroman der österreichischen Autorin Marie Gamillscheg? Von nicht viel. Und doch allem. Von einem Berg, ausgehöhlt vom Erzabbau. In ihm rumpelt es. Von einer Handvoll Bewohner, die im Ort leben, der einst vom Abbau profitierte und nun dahinsiecht: Susa, die Wirtin des Espresso, öffnet täglich für die Dagebliebenen und gefällt sich in der Rolle der heimlichen Ortsvorsteherin. Täglich trinkt dort Wenisch sein Bier - Pensionär, Frau tot, Tochter in die Stadt gezogen. Er ist nicht nur allein, sondern einsam. Die Einsamkeit fräst sich allmählich vernichtend in seine Alltagskompetenz. Und zwischendurch klimpert Teresa auf dem Klavier - ein Backfisch, der von der Stadt und dem Konservatorium träumt. In diese geordnete Tristesse schlägt die verstörende Nachricht ein, dass der Martin tot ist. Für die einen hat sich der junge Mann – vielleicht sogar absichtlich – totgefahren. Für die anderen hat ihn sich der Blintelmann geholt, der die Legende zur Entstehungsgeschichte des Berges verkörpert. Vielleicht ist der Martin auch nur in der unfallträchtigen Kurve, wo der Puff ist, aus der Kurve geflogen. Keine Ahnung. Der Tote bleibt im Gespräch, was zu dem Dorf passt, das – auch wegen der demografischen Entwicklung – dem Schicksal von Martin nähersteht als dem Leben, das der weitere Protagonist Merih wieder zurück in das Dorf bringen will. Er ist Regionalmanager und ziemlich von sich eingenommen. Vor lauter Wiedererweckungsfantasien, die um ihn als Spiritus Rector kreisen, übersieht er die Menschen, die er in ein Umzugsprogramm aus der ehemaligen Bergarbeitersiedlung in den Ortskern quatschen will. Am Ende lassen die Bewohner aus dem aufgeblasenen Kerlchen die Luft raus, ohne Hand anzulegen. Tja, manche Prozesse sind unumkehrbar. Am Schluss ahnt man, dass vermutlich die selbstzufriedene Susa die letzte Bewohnerin sein wird, die man mit den Füßen zuerst aus dem Espresso tragen wird, wahrscheinlich erst Wochen nach ihrem Tod, wenn der Verwesungsgeruch ins Nachbardorf geweht ist.
Und über allem rumpelt der Berg. So auch die Sprache von Gamillscheg, die radebrecherisch, knapp, abgehackt daherkommt. Dabei gelingt es der Autorin allerdings, einen ganz eigenen Sound zu entwickeln, der zu ihrem Abgesang auf die dörfliche Gemeinschaft passt, in der jeder für sich alleine verdorrt. Für mich hat sich der Sound nicht zum Sog entwickelt, der mich in die Geschichte hineinzieht, die aus der Warte von Susa, Teresa, Wenisch und Merih erzählt wird. Erreicht hat mich die Botschaft, dass dörfliche Gemeinschaften zerfallen, wenn ihnen der einende Sinn abgeht, hier die Arbeit im Berg. Verstanden habe ich – auch schon vor „Alles was glänzt“ –, dass der Mensch die Natur (miss)braucht, aber die Natur den Menschen nicht. Die Natur ist, der Mensch lädt ihr Sein mit Bedeutung auf, geheimnisst eine Absicht oder einen Zweck in Naturereignisse hinein. Und während die einen zurückbleiben und über die Folgen des Rumpelns im Berg nachdenken, bereit, diese hinzunehmen, weil der Berg und das Tal ihr Zuhause sind, ziehen die anderen weiter, den Annehmlichkeiten und Ansprüchen ans Leben hinterher. Und der Berg rumpelt, knarzt und bröckelt weiter.
So lakonisch, so trostlos, aber auch so klar hat mir das bisher noch kein Roman nahegebracht, wobei „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster noch auf meinen SuB liegt, aber „Der letzte Schnee“ von Arno Camenisch (herausragend) schon hinter mir.
So bewerte ich Marie Gamillschegs Debüt als gut und stilistisch konsequent umgesetzt. Meinen Kopf hat der Roman erreicht, den Rest leider nicht. Das wird mich nicht davon abhalten, auch in ein kommendes Werk der Autorin hinein zu blättern. Neugierig macht sie schon.

 

 

Die Tagesordnung von Eric Vuillard

 

Der letztjährige Preisträger des Prix Goncourt erzählt in 16 kurzen Kapiteln über das Versagen der Eliten, aber auch die Verführbarkeit der Massen, die den Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland ermöglicht haben. Es sind szenische Einwürfe, die der Literat ausgesponnen hat, dabei jedoch um größte Quellengenauigkeit bemüht. Ein Erspüren der Wahrheit über die Fiktion, in der Erkenntnis, dass gestrige und heutige Realität nicht selten auf Fiktion, Narrativ und simplen Lügen beruht.

Vuillard begibt sich in die Rolle des auktorialen Erzählers, der sich anschickt, hinter die Propaganda zu blicken, die seinerzeit die Wochenschauen dominierte. Er erzählt von den vornehmen Patriarchen der deutschen Großindustrie, die sich in edlem Dreiteiler mit kahlem Schädel und weißem Haarkranz unter dem eleganten Filzhut auf ein Tête-à-Tête mit den frisch an die Macht gelangten Nationalsozialisten einlassen, um Vorteile für die jeweils von ihnen vertretenen Riesen wie BASF, Bayer, Opel, Siemens – to name just a few – zu erkaufen. Der Preis waren Wahlkampfspenden für die anstehende Reichstagswahl, von der sie wissen konnten, dass es die letzte demokratische sein würde, die letzte Ausfahrt vor Hitlers Raserei quer durch Europa und die Welt. Die Herren im teuren Zwirn machten es durch ihr Geld und Nicken möglich. An jenem 20. Februar 1933 verhalten sie sich „wie vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle“, so Vuillard in einem seiner mächtigen Sprachbilder.

Mit bitterböser Präzision setzt der französische Autor seine Schnitte in die Hülle der Geschichtsschreibung und belegt anhand historisch überlieferter Begebenheiten vor dem großen Jahrtausendbrausen und der seriellen Vernichtung von einem willkürlich zur Rasse gebrandmarktem Teil der Zivilbevölkerung auch das Versagen der europäischen Nachbarstaaten Frankreich und Großbritannien, die zunächst auf Appeasement und faule Kompromisse gesetzt haben. So zitiert Vuillard Lord Halifax nach einem Treffen mit Hitler: „Nationalismus und Rassismus sind starke Kräfte, die ich jedoch weder als widernatürlich noch als unmoralisch erachte.“

Am Beispiel der Annektierung Österreichs deckt Vuillard die Kettenreaktion der Nachsichtigkeit und des eingeschüchterten Entsetzens auf, mündend in kollektiven Taumel einerseits und scharenweisen Selbstmord andererseits, beides Folgen einer Kapitulation vor dem Bösen in Gestalt der gewieften Mittelmäßigkeit.

„Die brutalen Machenschaften verschlagen uns die Sprache. Man traut sich nicht, etwas zu sagen. Ein überhöfliches und übereingeschüchtertes Wesen in unserem Innern antwortet an unserer statt.“ So resümiert der durch das kurze Tausendjährige Reich flanierende Autor das Verhalten des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg.

Dabei ist Hitler nur ein aufgeblasenes Nichts in der Maskerade des Feldherrn und sein „Reichsjägermeister“ Göring ein morphin- und großmannsüchtiger Spinner in Fantasieuniformen. All das weiß man vor der Begegnung mit ihnen. Dennoch fehlte die Kraft, sich zu entziehen. Zur Rechtfertigung wird die nationalsozialistische Laienspielschar um ihren maliziösen Star als furchteinflößend und genialisch verklärt, so später in Schuschniggs Autobiografie geschehen.

Vuillard deckt in dem Kapitel „Ein Panzerstau“ auch die deutsche Theateroffensive auf, mit der die Österreicher in den Anschluss beeindruckt werden sollten. Schon vor Linz blieben die schlecht konstruierten Panzer stecken und mussten auf Güterzüge verladen werden, damit sie überhaupt ihr Ziel erreichten, sollten sie doch zum großen Spektakel durch Wien rollen. All das konnte den Briten und Franzosen nicht verborgen geblieben sein. Aber dennoch ließ man dem großen Führer die Schau, anstatt mit dem Finger auf ihn zu zeigen und international zu skandieren: „Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an.“ Und so schloss man lieber handzahm im Herbst 1938 das Münchner Abkommen. „Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Und in Hollywood, lästert Vuillard wortgewandt, hängen zeitgleich bereits all die Kostüme der künftigen deutschen Filmbösewichte auf den Kleiderstangen der Requisite: „Sie hingen auf den Bügeln der ad acta gelegten Angelegenheiten, gefaltet und gestapelt in der Abteilung für altes Zeug. Ja, lange bevor der Krieg überhaupt begann […] und während das österreichische Volk in der Silhouette eines Verrückten sein Schicksal zu erkennen meinte, waren die Nazikostüme im Requisitenlager bereits konserviert.“

Tja, die einen verrecken bald – so ganz in echt – und die anderen warten auf den Stoff, aus dem erfolgreiche Drehbücher für Blockbuster geschrieben werden … Wenigstens da stehen sie aber auf der Seite der "Guten", nicht wahr? Diese Schlussfolgerung, die Vuillard den Lesern nahelegt, ist zwar von arger boshafter Bissigkeit, dennoch zuvörderst erhellend. Des einen Leid ist des anderen Kinokarte.

Vuillards Betrachtungen sind von brillanter Gemeinheit, aber nicht minder analytischer Schärfe. Er deckt Mechanismen auf, vor denen wir uns auch und gerade heute in Acht nehmen und sie durchbrechen sollten, denn „man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Vuillard bringt auf den Punkt, dass deutsche Geschichte auch europäische Geschichte ist, weil der Aufstieg des einen auch durch das Versagen der anderen bedingt ist. Das ändert nichts an der Ausgangsverantwortung. Aber es gibt die haftungsbegründende und die haftungsausfüllende Kausalität. Spätestens bei letzterer sind alle am europäischen Tisch aufgerufen, genauer auf die eigene Rolle zu schauen.

Wichtige Bücher kommen dieser Tage aus Frankreich. Und sie beschäftigen sich mit deutschen Themen. So ging der Prix Renaudot 2017 an Olivier Guez für seinen Roman „La disparition de Josef Mengele“ (Das Verschwinden des Josef Mengele), während der Preis der Buchmesse Leipzig just an den Geländeroman „Hain“ von Esther Kinsky verliehen wurde. Ich lasse das jetzt einfach mal so im Gelände stehen, ohne der Preisträgerin zu nahe treten zu wollen.

 

 

 

 

Skandinavisches Viertel von Torsten Schulz

 

Ich begegne über 260 Seiten lang Matthias Weber. Er ist bei diesen Treffen zwischen 12 und 50 Jahre alt, Schüler, Student, Journalist und am Ende Makler. Er ist vor dem Mauerfall aufgewachsen im, nach längerem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ins und lebt nun wieder im Skandinavischen Viertel Berlins. Er vertickt dort Wohnungen - und zwar an Menschen, die ihr Geld erarbeitet und nicht ererbt oder im Lotteriekapitalismus erzockt haben. Die mag er nämlich nicht. Sich selber dann wohl eher auch nicht, sollte man annehmen, da er sich dort inzwischen vier Wohnungen zu marktunüblichen Konditionen erschwindelt hat. Aber Matthias Weber kommt ganz gut mit diesem Widerspruch zurecht. Der Mann verschleißt Frauen, bevorzugt ältere, stammt aus einer verkorksten Familie, deren Geheimnisse auf ihm lasten, die sich nach dem Lüften – das sich über Jahrzehnte hinstreckt – als bitter, aber nicht exzeptionell erweisen: Ein missglückter Versuch von Republikflucht; ein Naziopa, der säuft; ein verträumter Onkel, der auch säuft, und eine Mutter, die früh verstirbt, sollen so oder so ähnlich in anderen Familien auch schon vorgekommen sein. Und dass es sich hier um eine ostdeutsche Familie handelt, gibt allmählich auch keinen Jammerbonus mehr her.

Man könnte meinen, ein solcher Plot ist sterbenslangweilig, die Hauptfigur wieder so ein fußkranker Charakter, der sich in unerträglicher Selbstbespiegelung ergeht, sodass man versucht ist, den Roman nach 50 Seiten zuzuklappen, mit den Augen zu rollen und sich fest vorzunehmen, das Buch an jemanden zu verschenken, den man nicht mag.

Weit gefehlt! Und Finger weg von meinem Exemplar!

Matthias Weber ist ein selbstlernendes System, das sich von Kindesbeinen an auf komplizierte Familienverhältnisse einstellen kann. Er ist ein ebenso scharf- wie feinsinniger Mensch, der sich mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen arrangieren lernt, insbesondere ihrem Wildwuchs, ohne Opportunist zu sein. Er läuft zwar mit, aber immer bewusst ein bisschen neben der Spur. Als Kind foppt er mit Schwindeleien über seinen vermeintlich ranghöheren Onkel Grenzer, die ihm mit dem Bisschen Staatsmacht drohen, das sie verkörpern. Als Erwachsener lässt er Bonzen auflaufen und an seiner Auswahlmacht abprallen, die ihn mit ihrem Geld beeindrucken wollen. Matthias Weber spielt im doppelten Sinne mit. Er tut das nicht in Schwejk’scher Schenkelklopfer-Manier oder als raffiniert eleganter Felix Krull-Verschnitt, auch nicht mit der klapprig geschwellten Brust eines modernen Don Quijote, sondern in dem Bewusstsein, immer wieder zum Scheitern verurteilt zu sein. Die Staatsmacht droht dem gewitzten Bengel mit Verhaftung. Er weicht. Die Geldhaie durchschauen sein Spiel und leimen ihn mit seiner eigenen Masche. Er weicht, am Ende gar bis nach Helsinki.

Schon im Teenageralter lernt Matthias Weber die Geschichte von Sisyphos kennen und ist von der Deutung Camus‘ beeindruckt, der seinen Essay über den König von Korinth mit der Feststellung schließt: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Auch wenn der DDR-Lehrplan die Existenzialisten eher als Verbreiter von Gedankenungut abtut, kann bereits der junge Matthias den Ideen etwas abgewinnen und folgt ihnen auch im Studium. Das ist zu der Zeit, als die Mauer fällt.

Leitmotivisch rollt Torsten Schulz den Stein des Sisyphos durch alle Lebensabschnitte von Matthias Weber, und lässt seinen Protagonisten nach und nach begreifen, dass sein Felsbrocken die Familie ist, insbesondere die Schuldverstrickungen innerhalb dieser Kerneinheit, und er diesen Brocken sein Lebtag vor sich her rollen muss, der sich aber nach Aufdeckung aller Familiengeheimnisse allmählich abschleift. Und es ist Matthias Weber am Schluss auch zuzutrauen, dass er sich Camus zu Ehren eine absurde Schwindelei einfallen lässt - geschickte, strategische Lügen sind seine Kernkompetenz -, die aus dem Stein einen Fußball macht, den er spielerisch durch das von ihm neu erdachte Skandinavische Viertel in Helsinki schießt, in dem Bewusstsein, dass der Ball von den Häuserwänden zwar abprallt und zurückrollt, Matthias Weber aber durch bloßes Weitergehen sein Spielbein trainiert.

Für mich ist der Protagonist ein Beispiel dafür, wie man es lernt, an offenen Fenstern vorbeizugehen, selbst wenn man hundert gute Gründe hat, rauszuspringen. Das ist kein emotional pralles Leben, das er führt, aber es scheint doch meistens ausgeglichen. Es entspricht nicht der gängigen Definition von „normal“ und es mutet nach dem Tod all seiner Familienmitglieder auch einsam an. Aber ist es das wirklich?

So, und nun lesen Sie mal schön selbst. Und wenn Sie meiner Deutung widersprechen wollen, nur zu! Ich berufe mich auf das offene Ende und schiebe Torsten Schulz die Schuld in die Schuhe, auch für den gekonnt verwobenen Aufbau, der mühelos zwischen den Zeitebenen wechselt, und die rüschenfreie Erzählweise. Dafür das volle Brett, obwohl ich eigentlich einen Stern abziehen wollte, weil ich mir bei der Deutung um ein Haar meine Hirnwindungen verknotet habe …

 

Eine Liebe in Gedanken vom Kristine Bilkau

 

Der neue Roman von Kristine Bilkau weiß seine Leser bereits durch seine Eröffnungsszene zu vereinnahmen. In den Gedanken der Ich-Erzählerin gesellt sich ihre jüngst verstorbene Mutter an den Küchentisch, nippt an ihrem Tee und fragt neugierig „Wer hat mich gefunden? Wie sah ich aus?“. Die Tochter, selbst schon Anfang 40 und Mutter einer flügge gewordenen Tochter, antwortet: „Die Situation hat dich nicht entblößt. Du bist gut davongekommen.“
Und wenn man das Buch ausgelesen hat, mag man auch der Ich-Erzählerin gerne bescheinigen, dass sie ihre Mutter nicht bloßgestellt hat. Antonia Weber ist in der Nachbetrachtung ihrer Tochter gut davongekommen. Sie spürt ihr feinsinnig nach und empfindet aus Fundstücken im Nachlass die große Liebe ihrer Mutter, die Liebe zwischen Toni und Edgar, nach - eine Liebe, in Gedanken der Tochter ausgemalt. Es ist ein Loslassen durch Annäherung, die stets taktvoll bleibt, ohne die Mutter hymnisch zu erheben. Der Tod macht nichts besser. Der Roman erzählt auch vom Zurücksehnen eines Menschen, mit dem man noch nicht fertig ist, weil Ungesagtes wie ein vergessenes Gepäckstück auf der letzten Reise am Bahngleis stehen blieb. Und es ist der Wunsch, für den Verstorbenen noch etwas zu tun, etwas, das für ihn ungelebt bleibt, weil das Leben eben keine Endlosschleife an wiederkehrenden Möglichkeiten bietet, sondern ein Korridor mit begrenzter Anzahl offener Türen ist, der, je länger man ihn durchschreitet, unweigerlich kürzer wird und am Ende nur noch einen Ausgang kennt. Kristine Bilkau sagt es besser: „Ich wünschte mir, diese Zeit der beiden von irgendwoher zurückzuholen und meiner Mutter zurückgeben zu können. Wie ein verloren geglaubtes Schmuckstück, das immer vermisst und nie vergessen worden war. Hier das habe ich für dich gefunden, es gehört dir.“

Und in Gedanken funktioniert das, ein ganzes Leben zurückzuspulen und die unbeobachteten, nicht überlieferten Augenblicke mit eigenen Bildern auszufüllen.
So steht die Mutter alsbald wieder ganz lebendig auf ihren Pfannekuchenfüßen, die sie nicht mag, vor den Lesern. Das Fräulein Weber - fleißig, adrett, aber auch ein bisschen nachlässig in eigenen Geldangelegenheiten - begegnet dem anfangs spröden Edgar Jansen, beide verlieben sich ineinander, und beginnen eine Beziehung, nicht immer die Konventionen der klemmigen Vor-68‘er Jahre wahrend. Sie genießen ihre Zeit miteinander. Edgar führt Toni aus. Sie spielt ihm ihre Platten vor. Mit Edgars pistaziengrünen Käfer unternehmen sie Ausflüge, auch zu Tonis vom Leben in Gestalt ihres untreuen Ehemannes final beleidigter Mutter. Toni steigt zur Chefsekretärin auf, Edgars Karriere als Kaufmann dümpelt ein wenig, bis ihm sein Vorgesetzter den Floh ins Ohr setzt, eine Niederlassung in Hong Kong zu gründen. Der zögerliche Edgar weiß nicht recht, die spontane Toni ermuntert ihn. Dann geht plötzlich alles ganz schnell, nur für Toni nicht, die alles auf eine Karte setzt und verliert. Zeitlebens wird sie vergebens auf eine Antwort von Edgar auf die Frage nach dem Warum warten. Ein Antrieb für die Tochter, Edgar aufzuspüren, um ihn danach zu fragen.

Und während man der Ich-Erzählerin auf den Spuren ihrer Mutter folgt, geschieht das, was ein besonderes Buch aus den guten heraushebt. Statt Toni in den Käfer steigt plötzlich Mickie in ihrer Blue Jeans auf ihren Vespa-Roller und braust los zu Karl-Heinz, ihrer ersten großen Liebe, die ewig währen würde, war sie sich ganz sicher, bis ewig sich als schnödes Synonym für vier Jahre entpuppte. Man liest das Buch von Kristine Bilkau und gleichzeitig die Geschichte der eigenen Mutter. Überblendungen stellen sich unweigerlich ein. Man ertappt auch sich dabei, so wie die Ich-Erzählerin, ausgelassene Gespräche zu bedauern – nicht, weil „Eine Liebe, in Gedanken“ an das schlechte Gewissen appelliert und mahnend den Zeigefinger erhebt, doch zu Lebzeiten schon … blablabla, sondern weil übrig gebliebene Fragen für immer unbeantwortet bleiben werden. Plump formuliert: das Buch macht etwas mit einem, schon während man liest. Erst recht im Nachgang.
Und nun von man zu mir. Ich habe verstanden, dass das Ungesagte und Unabgeschlossene eine Brücke ist, die immer wieder zurückführt zu dem Menschen, dem ich nah sein möchte. Erinnerungen verblassen, bis ich sogar das schallende, prustende Lachen nicht mehr im Ohr hatte. Aber die Fragen „Was hätte sie wohl hier und davon gehalten?“ oder „Wie hat sie das in ihrer Zeit erlebt?“ bieten mir die Chance auf immer neue Annäherung. Natürlich sind die Antworten hierauf meine Antworten, jedoch mit der größtmöglichen Mühewaltung gegeben, meiner Mutter gerecht zu werden und ihren Tonfall zu treffen, während sie – von wo auch immer – zu mir spricht.

Von Toni habe ich übrigens gelernt, dass Träume bleiben, aber neu adressiert werden können, wenn man sich im Wunschverwirklichungspartner geirrt hat. Es bleibt eine Enttäuschung zurück, aber keine lähmende Lücke, wenn man lernt, mit unbeantworteten Fragen zu leben.

Ein Buch, das auf leisen Sohlen daherkommt; das anrührt, aber nicht rührselig ist, weil es Kristine Bilkau durch ihre feine Sprache gelingt, eine angenehme Leichtigkeit zu entfalten, obwohl der Roman kein Leichtgewicht ist. Denn zwischen den Buchdeckeln steht auch Ihre Geschichte. Und da wird er auch früher oder später vorkommen, der Knacks oder Verlust, der noch in Ihnen arbeitet. Denn: There is a crack in everything that's how the light gets in (Leonard Cohen). Zu dem Licht, das da in mein Dunkel scheint, hat Kristine Bilkau ein paar Watt beigesteuert. Danke dafür!

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein zauberhafter Roman. Meine Mutter hätte mir vermutlich widersprochen und unumstößlich in den Raum gestellt, dass „entzückend“ das treffendere Attribut sei. Geschenkt, Mama.

 

 

Die längste Nacht von Otto de Kat

 

Emma Verweij wartet auf den Tod. Er wird am nächsten Tag zum verabredeten Zeitpunkt mit dem Palliativ-Team Ost eintreffen. Beinahe ein Jahrhundert währt ihr Leben schon. In ihren Erinnerungen wird es nochmals lebendig. Auch lange Verdrängtes wirbelt der herannahende Tod auf: ihr Leben in Berlin mit Carl, ihrem ersten Ehemann, der zu den Widerstandskämpfern des 20.Juli gehörte, der gefasst und hingerichtet wurde; Bruno, der Halt, der auf ihre große Liebe folgte, und mit dem sie zwei gemeinsame Söhne nach dem Krieg großgezogen hat; das Glück bescheidenen Wohlstands – immer wieder durchsetzt mit einer Grundtraurigkeit über den erlittenen Verlust, die Verfolgung und das Verstecken vor den Verfolgern, die wie ein Schatten über dem Neuanfang lag.

 

De Kat zeichnet die Biografie eines Menschen nach, der seinen von der Weltgeschichte zu Puzzleteilen ausgestanzten Lebensplan versucht hat, zu einem neuen Bild zusammenzusetzen, weil Teile unwiederbringlich verloren gegangen waren. Der niederländische Autor vermag es mit großer Könnerschaft, aus atmosphärisch dichten Beschreibungen von kleinen Begebenheiten große Bögen zu spannen. Mich erinnert die Konstruktion seines Romans an Patrick Modiano. De Kat verwebt nicht minder gekonnt Wiedererleben durch Erinnern mit der Gegenwart. Sein Schreibstil hingegen ist sehr elegant - mit dem Blick für das symbolisch aufladbare Detail, ohne ins Klischeehafte abzugleiten. Melodramatische Spannung sucht man trotz der Schwere des Themas vergebens. Und das ist angenehm, den es passt zum Charakter von Emma, die, bevor ihr Vorhang fällt, sehr reflektiert und unaufgeregt auf ihr Leben zurückschaut. Ebenso bewegend, weil von tröstlicher Leichtigkeit getragen, ist das Beschreiben ihres Sterbeprozesses. Erinnerungen purzeln durcheinander, vermengen sich. Die Chronologie ist aufgehoben. Gewesenes löst sich in einem letzten Erinnern auf. Ein Mensch verlöscht und mit ihm sein Zeugnis über seine Vergangenheit, das nun niemand mehr ablegen kann. Emma weiß das. Und so verwundert es nicht, dass es am Ende gesammelte Briefe sind, die sie ihrem Sohn Thomas als Vermächtnis anvertraut. Sie geben noch am ehesten Antworten auf offen gebliebene Fragen an das Leben der Mutter. Fragen, denen Emma lange ausgewichen ist, um mühsam vernarbte Wunden nicht aufreißen zu müssen. Doch ihr Schweigen hat ein Fremdeln in ihrer Umgebung verursacht, das nicht nur zu Distanz geführt hat, sondern auch tiefe Seelenkratzer bei ihren Nächsten hinterließ. Am Ende hat sie das längst begriffen, schafft es aber erst posthum ihren Söhnen tiefere Einblicke in ihr Leben durch Weitergabe der Briefe zu gewähren.

 

„Die längste Nacht“ ist ein ruhiges, aber dadurch nicht minder intensives Buch über das Erinnern, das „Sich-im-Erinnern-verlieren“ und das Verlöschen gemeinsam mit der Erinnerung.

De Kat hat den Lebensweg der Emma wohl angelehnt an eine reale Figur, nämlich Christabel Bielenberg, die ihr Leben in "Als ich Deutsche war. 1934-1945" niedergeschrieben hat. Ihr Mann, der Rechtsanwalt Peter Bielenberg, hat übrigens überlebt und starb hochbetagt in Irland. Die dichterische Freiheit, in der Fiktion abzuschweifen, warf ein Literaturkritiker de Kat in seiner Rezension vor, was ich nicht nachvollziehen kann. Ein Roman ist ein Roman und bleibt ein Roman. Der Autor hat die Hoheit über seinen Plot und den hat de Kat hier souverän "heruntergeschrieben".

 

Ein lesenswertes Buch!

Einziger Kritikpunkt: Mancher Charakter in den Nebenrollen kommt zu glatt daher. Aber vielleicht haben sich auch nur in der Erinnerung der Erzählerin Emma die Ecken und Kanten abgeschliffen, was wiederum nicht ganz zu ihrer reflektierten Rückschau passen würde, wollte man es nicht unter Altersmilde fallen lassen. Es plätschert daher manchmal ein bisschen allzu wohlig dahin.

 

 

Der letzte Schnee von Arno Camenisch

 

Es ist fast schon „farruct“, mit welch‘ heiter-melancholischen Besinnungsbeschwingtheit dem Schweizer Autor Arno Camenisch ein Kabinettstück wie „Der letzte Schnee“ gelungen ist. Es passiert beinahe nichts. Aber knappe 100 Seiten später hat er uns in seinem ganz eigenen Slang - aus Hochdeutsch mit Sprengseln aus dem Bündner Dialekt und dem Rätoromanischen - und in seinem ganz unikalen Sound die Welt durch die Augen von Georg und Paul erklärt. Beide sind die freundliche Schweizer Ausgabe von Statler und Waldorf, die sich dem Schweizer Rücksichtnahmegebot verpflichtet fühlen, also auf herabwürdigenden Sarkasmus und das Bedürfnis verzichten, jemanden - abgesehen von Petrus, den Calöri, - zu dissen.

Georg und Paul schauen nicht vom Balkon auf die Show herab, sondern sitzen auf dem Bänkli vor dem Hüttli neben dem Schleppi, dem ersten Bügellift aus dem Jahre 1971 in den Bündner Bergen. Obwohl der Winter allmählich „den Schwanz einzieht“, öffnen die beiden unverdrossen jeden Morgen die Station und werfen den Schlepper an. Der Schnee und die Gäste bleiben aus. Dennoch betreiben Paul und Georg das Geschäft routiniert weiter: Der Lift wird gewartet, die Billets farblich sortiert, für den Notfall geübt. Und Georg notiert alles im „Schurnal“. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Während die beiden ihrer Arbeit nachgehen - besser: dahinstehen - erinnern sie sich an die hohe Zeit des Alpentourismus, als der Schnee in rauen Mengen fiel, für schulfrei und volle Pisten sorgte.

Paul schwadroniert über Gott und die Welt mal in schief-absurden Bildern („steckt bis zu den Knöcheln im Nebel“), mal ganz niedlich altverliebt über seine Claire. Er ist der hüsch’sche Niederrheiner unter den Graubündnern, der alles erklären kann. Wen wundert’s, dass ich den mag.

Georg ist der Zuhörer und karge Volksphilosoph, der weiß: „Das Leben ist ein Versehen […], aber das hat schon seine Richtigkeit. Darum geht es im Leben, um die Umkehrung.“

Während die beiden stoisch an ihren Abläufen festhalten, zu denen auch zünftiges Jassen und geistige Getränke gehören, gehen Dinge verloren - Georgs Zündhölzer, sein Schurnal. Sogar ein Bügel vom Lift verschwindet. Das alte Radio rauscht nur noch. Am Ende bleibt gar die Uhr stehen. Bevor beide aus der Zeit fallen, weiß Georg Rat und ruft die Zeitansage an. Dann fällt der Strom aus. Und nicht nur die Telefonleitung ist tot. Beide warten. Schließlich stellt Georg fest „Godo kommt nicht“. Wer, fragt Paul.

„Der letzte Schnee“ erzählt die Geschichte des Verschwindens von Althergebrachtem und Altbewährtem, aber auch vom Abschied von Gewissheiten: „Im Winter, da schneit’s.“

Es ist eine Besinnung auf die letzte Gewissheit: „Leben heißt verlieren.“ Das resümiert Georg. Von ihm lässt man sich diese Wahrheit, die weder Ausnahme noch Trost verspricht, auch sagen, viel lieber, als irgendwelchen Pajassen zu lauschen, „die von Piönjanc bis in Russisch und […] bis nach La Merica irgendeinen Gugus“ behaupten, „dass man am Ende gar nicht mehr weiss, was jetzt öppa stimmt und was nicht, oh isch doch wohr“, um es mit Paul zu sagen.

Was für ein wunderbares, kleines feines Buch!

 

Die amerikanische Prinzessin – Annejet van der Zijl

 

 

 

Warum spürt man jahrelang einer Frau nach, die nie ein bedeutendes politisches Amt bekleidete, nie eine Größe in Kunst und Kultur darstellte und auch keine Medaillen in einer sportlichen Disziplin sammelte? Es muss eine beeindruckende Persönlichkeit von innerer Strahlkraft gewesen sein, jemand, der anrührt durch die Art, wie er sein Leben führte. Für Annejet van der Zijl war es Allene Tew: „Und sei es nur, weil sie mich mit etwas angesteckt hat, das ich vorher vielleicht nicht erwartet oder gesucht hatte, wovon man jedoch nie zu viel haben kann: Hoffnung und guten Mut.“ Durch das Attribut „gut“ bringt van der Zijl klarstellend zum Ausdruck, dass Allene Tew keine Hasardeurin war, sondern mit Umsicht ihre persönlichen Grenzen, die ihr Herkunft, Stand und Geschlecht zu setzen schienen, stetig weiter gesteckt hat. Und wenn das Schicksal sie in eine Rolle zwängte, nahm sie diese nur so lange an, bis sie wieder eine neue, ihren Vorstellungen gemäße gefunden hatte.

 

1872 in der rauen Provinzstadt Jamestown im Norden der USA geboren wird sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1955 fünf Ehen geschlossen, die große Liebe ihres Lebens und ihre drei Kinder vorzeitig zu Grabe getragen haben. Allene Tew wird zu großem Reichtum gelangt sein und ihn durch die Weltwirtschaftskrise 1929 wieder eingebüßt haben. Sie wird in Abwandlung des alten österreichischen KuK-Leitmotivs „Tu felix Allene nube“ in den deutschen Hochadel eingeheiratet, den Titel Prinzessin geführt und eine maßgebliche Rolle bei der Eheanbahnung von Bernhard zur Lippe-Biesterfeld und Kronprinzessin Juliana der Niederlande gespielt haben. Sie wird mit Dwight D. Eisenhauer und anderen Größen aus der Zeit auf Du und Du und an der Seite ihres dritten Ehemannes Anson Burchard auf diplomatischer Mission in Asien und Europa unterwegs gewesen sein. Sie wird ein Landhaus für alleinerziehende werktätige junge Mütter eingerichtet haben uswusf.

 

Es ist nicht der Liz-Tylor-like Eherekord, der an Allene Tew fasziniert. Es ist ihr Mut, sich in neue Lebenssituationen hinein- und mit eben jenem Mut auch wieder hinausbegeben zu haben, wenn sie erkannte, dass ihr Traum vom Glück ausgeträumt und keine weitere Anstrengung versprach, ihn in der konkreten Lebenssituation, in der sie sich befand, wiederzubeleben. Ihr erster Mann Tod Hostetter, Millionenerbe, versinkt in seiner Spielsucht, die die Familie zu ruinieren droht. Sie verlässt ihn mit den gemeinsamen Kindern. Ihr zweiter Mann Morton Nichols verbringt sein Leben in Clubs und spielt ebenfalls. Allene Tew lässt sich scheiden. Als ihr dritter Mann, ihre große Liebe, überraschend verstirbt, bricht sie die Zelte in New York ab und geht nach Europa. Dort findet sie ihren deutschen Prinzen Henry Reuß, der ihr Geld heiratet und ihr den Titel gibt. Als er beginnt, sie schlecht zu behandeln, und zunehmend mit den Nationalsozialisten sympathisiert, lässt sie sich erneut scheiden, um wenig später den bedeutend jüngeren Grafen russischer Abstammung, Paul von Kotzebue, zu ehelichen.

 

Bemerkenswert ist Allene Tews Umgang mit Unglück und herben Verlusten. Sie zerbricht nicht daran, sondern lebt ihr Leben nach ihrem Glücksprinzip weiter: „If one has the will and persistance, one can do things.“ Sie reagiert nicht wie eine Plattennadel, die die Spurrille auf dem Vinyl nicht verfolgen kann, weil ein Kratzer ihre Bahn stört. Der Tod ihrer Lieben lässt sie nicht immer und immer wieder zurückspringen und die gleiche Stelle auf ihrer Lebensplatte intonieren. Sie sucht und findet andere Menschen, die sie lieben kann, bleibt neugierig, wer und was da noch kommt. Barbra Streisand könnte Allene Tew gemeint haben, als sang: „People who need people are the luckiest people in the world.“

 

Es ist Annejet van der Zijl zu verdanken, diese bemerkenswerte Frau, die zeitlebens „das aufgeweckte Mädchen aus Jamestown mit unbefangenem Blick voll Interesse auf die Welt und die Menschen“ geblieben ist, kennengelernt zu haben. Der Autorin gelingt es, auf knappsten Raum das Bilderbuch eines Jahrhunderts aufzuklappen. Sie beherrscht die Kunst der Verdichtung, erzählt auf rd. 220 Seiten die US-amerikanische Geschichte der Besiedelung, der Industrialisierung, aber auch Europas Taumel in zwei Weltkriege anschaulich und kenntnisreich. Geschickt vermeidet Annejet van der Zijl, so zu tun, als seien ihre Überlegungen die der Allene Tew. Sie verfolgt deren Lebensweg wie eine interessierte, bestens orientierte Beobachterin. Es ist ein warmherziger Blick, aber aus der nötigen Distanz einer Biografin. Und um das Leseerlebnis perfekt zu machen, wählt Annejet van der Zijl eine dosiert lyrische, bildreiche Sprache, ohne je in den Kitsch abzustürzen. Der gute Eindruck ist sicher auch der Übersetzung von Marianne Holberg geschuldet.

 

Es sei noch angemerkt, dass „Die amerikanische Prinzessin“ im Mittelteil mit zwei Bilderteilen aufwartet, die Allene Tew, ihre Ehemänner, Kinder etc. zeigen. Darüber hinaus wird man als Leser mit ausführlichen Quellenangaben, Personenregister, aber auch kapitelbezogenen Anmerkungen & Übersetzungen verwöhnt.

 

Resümee: Annejet von der Zijl hat eine herausragende Biografie geschrieben, so wie Allene Tew eine beeindruckende Persönlichkeit war. Für mich ist sie ein Role Model, von dessen Schlage ich mich glücklich schätzen darf, auch eines – wenn auch ein nicht so glamouröses – in der Familie gehabt zu haben: meine Großmutter mütterlicherseits. Aber das ist eine andere Geschichte. Die erzähle vielleicht ich ein anderes Mal.

 

Der Titel „Viel Lärm um nichts“ hätte den Kern des Romans von Eric Idle besser getroffen, ist aber bekanntermaßen schon vergriffen: Schlag nach bei Shakespeare!

Der Roman erzählt die Geschichte des semi-erfolgreichen und ebenso begabten Drehbuch- und Gagschreibers Stanley Hay, der davon träumt, endlich Schriftsteller zu sein. Seinem Agenten gelingt es, ihm ein Gespräch mit Richard Hume, dem Verantwortlichen eines renommierten Verlags, zu verschaffen, der für sein Sommerprogramm noch Sun & Fun-Storys sucht, die sich rasch zwischen Buchdeckel pressen lassen. Hay nutzt die Gunst der Stunde und pitcht Hume die Idee seines Reality-Romans an den Kopf, in welchem er sein Leben und Treiben als Drehbuchautor mit Stars und Sternchen in Tinseltown bereits niedergeschriftet habe. Hume beißt an.

Und schon beginnt die Maschinerie zu rattern: Vorabankündigung, Interviews für Printmedien, Funk & TV. Das Buch wird gehypt, sein Autor schon vor dem Erscheinen abgefeiert. Die Vorverkaufszahlen schießen durch die Decke, Spekulationen ins Kraut, wessen Bettdecke gelupft wird. Jennifers, Angelinas oder gar Georges? Die schlüpfrigen Details werden landesweit geteilt. Internetseiten, die bereits ihre Dechiffrierdienste anbieten, plöppen auf. Leno, Lettermann & Co. steigern ihre Einschaltquote mit dem polyamorösen, gutaussehenden Shootings Star. It-Girls, aktuelle und verwelkte Größen der Zunft wollen ihn treffen. Die einen, um sicherzustellen, dass sie nicht, die anderen, dass sie ja bloß dabei sind. Denn die einen können sich nicht mehr erinnern, ob sie das Kerlchen vernascht oder sich von ihm haben vernaschen lassen. Den anderen hingegen ist es egal, ob die Story stimmt – Hauptsache Publicity. Im Übrigen kann, was nicht ist, ja noch werden.

Hay lässt nichts anbrennen. Der Veröffentlichungstermin rückt näher. Allein, es fehlt der Roman. Vor lauter PR, aber auch hemmungsloser Prokrastination, gepaart mit Gehirnverschluss hat der junge Mann das Wesentliche vergessen, nämlich das zu schreiben, worüber alle schon reden, um sich an seinen 15-Minuten-Ruhm anzukletten und mitzuverdienen. Am Ende platzt die Blase. Es kommt heraus, dass sich alles um nichts drehte. Der große Shitstorm bleibt aber wegen des zweiten Desert Storm der Koalition der Willigen aus. Der neue heiße Scheiß sind die US-amerikanischen Bomben, die in Bagdad einschlagen, um die Welt vor den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu bewahren. Der nächste Fake, wie wir heute wissen, leider mit echten Toten auf allen Seiten. Hay kommt glimpflich davon. Seinen Roman schreibt er am Ende doch noch. Und den haben wir nun zu lesen bekommen.

Ist „The Writer’s Cut“ eine bitterböse Satire? In 2003, dem Jahr, in dem er spielt, wäre er bestimmt als solche aufgenommen worden. Aber in 2018 nimmt man die zugespitzte Darstellung kaum noch als Übertreibung wahr. Wir sind überzeugt, bereits hinter jede Kulisse geschaut zu haben und sind nur allzu bereit zu glauben, das Geschilderte liefe genauso ab. Tut es das wirklich? Ich wette, dass der Lügenbold Hay dieser Tage deutlich schneller enttarnt worden wäre. Ich wette nur nicht darauf, dass es seiner Karriere sofort den Garaus gemacht hätte. Heute will man die gute Absicht hinter der Lüge länger glauben als früher.

Lassen wir den Roman daher als Satire durchgehen. Dürfen Idle und sein Verlag eine solche papiergewordene politische Inkorrektheit in Zeiten der #metoo-Debatte ungestraft veröffentlichen? Schließlich bläst hier dem Protagonisten nicht nur Hollywoods "scharfer" Wind ins Gesicht. Der Schlüsselloch-Whistleblower tobt sich in seinem Werk ausgelassen über manchen Blowjob aus. Viele der Frauen, die Idle Hay begegnen lässt, werden als Schlampen dargestellt, die Sex als Mittel zum Zweck einsetzen. Müsste nicht ein Shitstorm über Idle losbrechen? Leistet er nicht dem Klischee Vorschub, dass die Opfer von sexuellen Übergriffen und Missbrauch selber schuld sind, weil in Hollywood die Nummer auf der Besetzungscouch zur Folklore gehört, zumindest bisher billigend in Kauf genommen wurde, wenn man sich in dieses Business begab? Man „gebraucht“ andere für eigene Zwecke und wird für fremde Zwecke „gebraucht“. Wird da nicht allzu fröhlich die Trennlinie zum Missbrauch verwischt?

In den USA ist „The Writer’s Cut“ Ende 2015 als E-Book erschienen. Da tobte die Debatte noch nicht so großflächig. Idle schlupfte durch die Maschen.

Nun erscheint das Buch hier zu einem Zeitpunkt, wo die Debatte herüberschwappt und erste prominente Säue durchs Dorf gejagt werden, wobei noch ungeklärt ist, ob die jeweilige Sau tatsächlich eine ist.

Was will uns der Roman dazu sagen? Ich glaube nichts, weil a) die Debatte bei der Niederschrift nicht im Fokus des Autors stand und b) er eine Satire über das branchenspezifische „Much ado about nothing“ geschrieben hat. Und da darf er im Dienste der Übertreibung sich jedes Klischees bedienen, auch das der Schlampe, die sich hochschläft oder -bläst. Satire darf das auch in Zeiten von #metoo.

Muss man „The Writer’s Cut“ gelesen haben? Aus literarischen Gesichtspunkten sicher nicht. Die Romanidee hat einen Bart, der bis zu „Des Kaisers neue Kleider“ reicht. Die Wendungen sind vorhersehbar, die Umsetzung ist konventionell: ein Ich-Erzähler plaudert aus der Retrospektive.

Sprachlich blitzt jedoch großer Wortwitz durch, den der Übersetzer Julian Müller originell ins Deutsche gerettet hat. Und ja, man kann darüber lachen, wenn der Humor das eigene Komikzentrum trifft. Meines wurde bedient.

Fazit: „The Writer’s Cut“ ist „Die nackte Kanone“ unter den Satiren über die Traumfabrik Hollywood – derb, laut und ziemlich 80er. Manche Pointen setzt Idle mit dem Vorschlaghammer. Dies ist jedoch der Erzählperspektive geschuldet. Stanley Hay erzählt. Und der ist nun mal nicht so ein Könner wie der ehemalige Monty Python Eric Idle, dem wir den Klassiker "Always look on the bright side of life" verdanken. Doch es gibt sie auch: boshafte, treffende Spitzen, die den Roman unter dem Strich zu guter, nicht unintelligenter Unterhaltungsliteratur machen: „Wir sind im postironischen Zeitalter. Mit Reality-TV haben wir die Ironie endgültig hinter uns gelassen. Genau wie die Politik. Da sitzt ein Clown im Weißen Haus, und keiner lacht.“ Gemeint ist George W. Bush. Aber, hey, wer sitzt da heute? Und wer lacht? Eben.