Kurzgeschichten "to go"

 

Kein, der Rekonstrukteur

 

„Abb abb abb, abb abb abbawenn“, summbrummelte Kein ohne Unterlass. Er trippelte auf der Stelle und wippte mit dem Oberkörper vor und zurück. Vor ihm schoben sich ungezählte blecherne Einzelzellen im Trippelschritttempo über die Stadtautobahn. Ihre Insassen wippten im Stop-and-go vor und zurück. Aus dem Fenster seiner großen Kapsel, die im 21. Stock des Papageienhauses parkte, sahen die Fahrspuren wie ein loses Gewebe aus ineinander gelegten Bändern aus. Hier unten verwandelten sie sich in einen zugezurrten, donnergrolligen Knoten. Oben störte ihn das nicht, weil sie nur als verschmolzener Geräuschebausch an sein Fensterglas tupften. Hier unten entging er dem Gelärme nur durch eines seiner zwei Paar Micky-Mäuse. Beide in Blau, so entfiel die Auswahl. Denn Kein lebte zwischen Wenn und Aber. Also in der Schusslinie lauter Entscheidungen, die ihn treffen wollten. Dass sie ihn mit Ziemsicherlichkeit verfehlten, lag an der Hulla-Hoop-Technik seiner Gedanken, die er seit vielen Jahren beim Denken anwandte. Er ließ sie in seinem Brummkreisel immer schneller rotieren, bis die Fliehkraft sie aus seinen Ohren hinter alle Horizonte trug. Nur seine Teenietussis wurde er so nicht los. Aber mit diesen schrillen Nervensägen hatte er sich über seine Endlos-Schleifen-Adaption eines alten Hits arrangiert. Den hatte er vor Jahrzehnten durch das vorlaute Gekeife der Gören hindurch aufgeschnappt. Und so summbrummelte er weiter vor sich hin: „Abb abb abb, abb abb abbawenn“.

 

Das grüne Männchen erschien. Kein setzte sich in Bewegung. Sein flinker Gang hatte etwas Federndes. Zum Herkulesberg, den die meisten nur unter dem Namen Mont Klamott kannten, war es nicht weit. Der war eine riesige grüne Beule, die an der Stirn Kölns prangte. Er unternahm dort tägliche Erkundungen. Es war nicht so, dass Kein sich Tag für Tag zu den Expeditionen entschloss. Sein Tagesablauf glich eher einem Mitschnitt auf dem Kassettenrekorder: Die Nacht spulte ihn zurück und der Tag drückte die Wiedergabe-Taste. Von wann die Aufnahme war, wusste er nicht mehr.

 

Von jetzt auf gleich war Kein im Grünen. Er verlangsamte sein Schritttempo. Sein Summbrummeln stellte er ein. Er setzte für den Anstieg auf den Mont Klamott die Kapseln ab, stopfte sie in sein Felleisen. Aus einem Fach lupfte er seine Fliegerbrille mit den regenbogen-goldfarbenen Gläsern heraus und setzte sie auf. Augenblicklich nahm sein Gang etwas Staksendes an.

 

Aus dem Inneren des Herkulesberges morste jemand auf einer Frequenz, die seine Teenietussis verstummen ließ. Kein starrte suchend auf den Boden unter seinen Füßen. Der schimmerte schwarzgolden wie eine Flickenbrücke, die sich alle paar Sekunden neu zusammensetzte. An ihren Rändern schillerte das Gold in allen Farben. Kein betrat nur die schwarzen Flicken. Wenn er aus Versehen auf einen goldenen trat, schwieg der Morseton und die Gören kreischten wieder los. Inzwischen hatte er aber eine solche Fertigkeit in der Schrittfolge entwickelt, dass er der Abfolge der Morsezeichen ohne unterbrechendes Geplärre folgen konnte. Meistens, so auch heute, wurde aus der Richtung, in die die schwarzgoldene Flickenbrücke führte, die gleiche Botschaft gefunkt:

 

 .... .. . ._.  _... .. _.  .. _._. ....

 

„H  I E R   B   I N   I  C    H“

 

Kein rätselte, werwiewas dieses Mal gefunden werden wollte. Seine Neugierde beschleunigte sein Staksen in ein Hüpfen. Es sah aus, als spielte er Hinkelkästchen. Nur der vorausgeworfene flache Stein fehlte.

 

Da. Spaziergänger im Weg. Eine mit an Sicherheit eintretende Zufälligkeit. Heute ein Paar junger Männer. Plüschäugig. Inzwischen stehengeblieben, aber in Habachtstellung.

 

Kein tat, was er in diesem Fall immer tat. Er sprang seitwärts um sie herum und sang, statt zu summbrummeln: „Abb abb abb, abb abb abbawenn.“ Singen stimmte die Begegnungen auf zwei Beinen meist friedselig.

 

„Wa ’ss das f’r ’n’r?“

 

„Kätwis’l a’s ’em Papag’nha’s“, drang an sein Ohr.

 

Die Männer lächelten und ließen ihn weiterhüpfen.

 

.... .. . ._.  _... .. _.  .. _._. ....

 

Das Auffindegesuch wurde immer lauter. Den Wetterpilz hatte er längst passiert. Inmitten von Bäumen, deren Wurzeln – wenn sie nur tief genug wurzelten – auf den in der Stunde Null zusammengekehrten Trümmern von Alt-Köln spazieren wuchern konnten, endete die schwarzgoldene Flickenbrücke. Kein erreichte den Saum des goldenen Endstücks, das heller und heller glimmerte, bis es Kein wie gleißendes Licht blendete. Er wusste, dass er jetzt nicht wegsehen oder die Augen schließen durfte, dann würde er den Augenblick verpassen. Den, in dem das Endstück gläsern wurde und einen Blick in den Bauch von Mont Klamott erlaubte. Da. Da war sie, die Lücke, durch die er hindurchsehen konnte. Schicht für Schicht aus Schutt trug er mit den Augen ab. Da. Da blinkte etwas. Da. Noch etwas. Zwei glühende Punkte. Was war das? Seine Erinnerung schickte Bilder im raschen Vorlauf zum Abgleich durch seinen Brummkreisel. Bei einem hakte sie ein. Kein sah Elektroden aus Graphit in der Kohlenbogenlampe eines Kinoprojektors. Die Bilder in seinem Kopf liefen weiter. Wieder stoppte der Vorlauf. Das war ein Ernemann VIIB aus dem Jahre 1940. Kein arbeitete sich mit seinen Blicken und Erinnerungen vor. Um den Projektor baute sich ein Raum auf. Von dort konnte man in einen grünen Saal ohne Ränge und Balkone, aber mit einer großen Orgel schauen. Dort saßen 1000 Menschen, die sich nach ihm umdrehten. Unter seinen Augen setzte sich um den Saal die Außenfassade wieder zusammen. Gründerzeit in fast schlicht. An ihr prangten Leuchtbuchstaben „Film Kristall-Palast“. Sein Blick erweiterte auf Panorama. Auf der Straße fuhr ein Opel Kapitän an dem Gebäude vorbei, das in einer Häuserreihe stand. Kein konnte das Straßenschild lesen: Severinstraße. Sein Blick fiel auf die Hausnummer 228. Da, wo heute das Historische Archiv stand. Plötzlich verwandelte sich die Acht in ein kleines Männchen aus Erde mit Kölschbauch, dickem Kopf, runder Nickelbrille und riesigem Klappzylinder in der Hand. Das staatse Männlein verbeugte sich. „Hier bin ich“, sprach es für Kein klar vernehmbar. „Bringst du mich nach Hause?“ Das wollten sie alle, die Dinge und die Herren der Dinge, darunter auch Damen. Zurück nach Hause. Kein nickte. Ein versonnenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er sog den Panoramablick ein. Auf dem Trottoir sah er den kleinen Kein vor den Schaukästen stehen. Er rieb sich die Augen. „Es geht los“, flüsterte er dem Männlein zu, das augenblicklich in den Zylinder sprang. Aus seinem Rucksack holte Kein sodann einen Gefrierbeutel, einen Filzstift und eine Kelle hervor. Behutsam strich er das modernde Laub über dem Zylinder zur Seite. Der durchsichtige Flicken verschwand. Den frei gelegten Chapeau Claque löffelte er behutsam in den offenen Tütenmund. Zipp, schon war er verschlossen. Kein setzte seine Brille ab und die Micky Maus wieder auf. Er beschriftete den Beutel: „Kristall-Palast, Kino für Jedermann, wiedergefunden. Mont Klamott, den 03.03.2009“. Beutel, Kelle und Brille packte er in seinen Püngel. Schnellen Schrittes ging er summbrummelnd die Subbelrather Straße entlang, bog in die Tunisstraße ein, folgte ihr bis zum Blaubach, der die Severinstraße kreuzte. Schon vom Blaubach her drang durch die Kapseln und das „Abba wenn“ ein Gewirr von ungezählten Stimmen an sein Ohr. Das mussten tausende Hierbinichs sein. Langsam näherte er sich der Kreuzung. Weit kam er nicht. Alles war abgesperrt. Die Severinstraße war ein blinkendes Blaulichtermeer. Scharen von Männern und Frauen in Uniformen oder weißen Stramplern wimmelten umher. Sie bargen aufgeschwemmtes Papier, aus dem kleine Männer in klatschnassen Anzügen mit zugeklappten Zylindern in der Hand ungläubig auf einen riesigen Trümmerhaufen starrten. Kein erschrak. Eine Sirene in seinem Kopf erscholl. Ein an- und abschwellender Heulton. Er rannte, so schnell er noch konnte, den Weg zurück, den er gekommen war. „Nummer 228, es gibt kein Zurück“, ächzte er. Im Papageienhaus angekommen, beamte er sich in seine große Kapsel. „Hier bist du sicher“, raunte er dem Beutel zu, den er vorsichtshalber im Rucksack ließ. „Wenn die tausend Bomber wiederkommen, fliegen wir weg“, entschied er plötzlich und deutete auf das Fenster. Dann schaltete er das Radio ein.

 

 

Ol' Ruutmänn

 

„Itsie, bitsie. Skwiesie, tiesie“, trällert sie und lacht. Der mit Steinchen, Stöckchen und Laub bedeckte Waldweg knackst unter den Reifen. „Opa Grännpah, das hört sich an, wie wenn du das Backpapier an der Falte lahmsam abreißt. Für auf das Backblech zu legen und Kekse zu backen. Juno?“

 

Ohne eine Antwort aus Worten abzuwarten, ruft sie so laut sie kann: „Hiehl, Mäx!“

 

Ein Fellknäuel springt aus dem Unterholz auf den Pfad.

 

„Und bleib‘! Sonst darfst du auch ganich mit. Opa schümpft bestimmt.“ Sie spürt einen Luftzug, der ihren Rücken streichelt. Kleine Grübchen bohren sich in ihre Wangen. „Lafflie Dimmpells“, sagt Opa, sind das. „Dimmpells, Dimmpells“, wiederholt sie. Ihr Lachen verschwindet plötzlich aus ihrem Gesicht. Sie hat vergessen, Opa zu fragen, ob er auch als Junge schon so gesprochen hat. Also auf jeden Fall spricht er anders, seit sie ihn kennt. Und das ist schon ganz schön lang. Bestimmt tausendhundertundvier Jahre. Erst fand sie ihn doof, weil sie ihn nie verstand. Dann tat er ihr leid. Er hatte irgendwie immer kleine Kieselsteine im Mund. Und die kullerten ihm über die Worte. Armer Opa Grännpah, dachte sie da. Bis Mama ihr verraten hat, dass Opa wie Papa aus Anderland kommt. Da wo man eine eigene Sprache hat. Jeder. Auch Papa, sagt Mama. Aber der ist misseninäkschen, hat sie aufgeschnappt. Schon komisch, dass Papa immer nicht da ist. Der ist nur aus Fotos und Worten. Worte auf Karten. Sprechen gehört hat sie ihn noch nie. Dabei ist so eine Sprache für sich selber wie eine große Schatzkiste. In der kann man Geheimnisse verstecken, wenn man sie nur in seiner Sprache weitersagt. Oder man kann Mama Widerworte mit Tarnkäppchen geben, obwohl man das ja nicht soll. „Wann schutt nott, schutt wann? Nich, Opa?“

 

Sie stoppt, steigt ab und schnauft. „Puh. Sprechen und fahren macht japsig.“ Der Wolfsspitz sitzt bei Fuß. Die Zunge hängt ihm aus dem Hals. „Is nich mehr weit, Mäx. Prommiss.“ Sie zuckt zusammen. Ein Geräusch kommt plötzlich näher. Kein Backpapier, das abgerissen wird. Irgendetwas anderes. Klingt wie eine heisere Säge. So eine, mit der Opa den Kirschbaum im Garten abgesägt hat. Sie dreht sich um, kann aber nichts sehen.

 

 „Kammon, Mäx! Wir müssen weiter.“ Sie tritt so kräftig in die Pedale, wie sie kann. Das ist nicht so einfach, hat sie doch das Fahrrad von Mama gemopst. Wann schutt nott, rielie! Aber nur das hat einen Korb an der Lenkstange. Und den braucht sie doch. Da hat sie ein Badetuch hineingelegt, eine Flasche Limo und die zwei Dosen. In der einen sind noch die Kekse, die sie mit Opa Grännpah gebacken hat. Das war, bevor die Sonne vom Himmel gefallen ist. Sie hat extra ein paar aufgehoben. Da darf niemand drangehen. Auch sie nicht. Das ist ganz schön schwer. Denn Opas Schortbrett ist so lecker wie …, ja, wie … Weißbrot mit Rosinen drin und Leberwurst drauf. Warum die Kekse Brett heißen, hat sie zuerst nicht verstanden. Denn der Teig ist doch eine lange Rolle, von der Opa immer dicke Keuns abschneidet. Aber auf einmal hat sie begriffen, dass das wieder die Sprache von Anderland ist, die Kekse hinter einem Brett verstecken kann. Das ist ganz schön kläwwer, hat auch Opa gesagt. Da kommt nicht jeder drauf und will auch welche haben.

 

Sie bremst vor einem langen Zaun mit einem großen Tor ab. Sie hört immer noch das Geräusch, aber es bleibt gleich laut von ihr weg. An dem Tor hängen gelbe Dreiecke mit schwarzen Strichen drauf und andere Schilder. Eins mit großen Buchstaben drauf. Das „D“ und das „A“ kann sie lesen. Weiter ist sie noch nicht. Sie lehnt das Fahrrad gegen den Zaun und rappelt am Schloss. Sie ist verdutzt. Es ist abgeschlossen. Der Spitz springt bellend um sie herum. „Kwei-ett, Mäx!“ Das Geräusch wird wieder lauter. „Opa? Wo bist du?“ Sie hat getrödelt. Opa Grännpah ist bestimmt schon bei Ol‘ Ruutmänn, ist sie überzeugt. Das ist ihr gemeinsamer Lieblingsbaum. Der wächst nicht in den Himmel wie die anderen. Der wächst am Boden lang, weil seine Wurzeln nach oben gucken. Daria hat ihn umgeknickt, hat Opa gesagt. Aber sie haben ihm ganz viel Erde auf die Füße geschaufelt. Einen ganzen Berg voll Erde. Die haben sie festgeklopft. Und immer wenn es regnet, also, wenn es wieder aufgehört hat, fahren sie hierher und sehen nach, dass der Ol‘ Ruutmänn keine nackten Füße gekriegt hat.

 

Sie nimmt den Korb vom Fahrrad und geht am Tor vorbei. Ein ganzes Stück muss sie über den weichen Waldboden gehen, bis sie zu einem grünen Häuschen im Zaun kommt. Der Spitz weicht nicht von ihrer Seite. Das Geräusch kommt näher. Wieder dreht sie sich um. Da ist niemand mit einer Säge in der Hand. Da ist überhaupt niemand. Merkwürdig. Das bildet sie sich doch nicht ein. Geräusche muss doch jemand machen. Obwohl … Als die Sonne gestolpert ist, und sich den Kopf an Opas Auto gestoßen hat, knallte es auch einfach so. Und die Sonne ist ja nicht jemand. Also passieren Geräusche auch so. „Hm“, summt sie. Aus der Hosentasche zieht sie einen Schlüssel und öffnet die Holztüre des kleinen grünen Häuschens. Sie schlüpft mit Mäx hinein und auf der anderen Seite hinaus, nicht ohne jede Türe wieder hinter sich abzuschließen. „Ich muss alles so machen wie Opa Grännpah, Mäx. Ich hab doch den Schlüssel aus seiner Tasche in der Uniform genommen, weißt du? Und den darf er da auch nich haben. Der muss im Offiss bleiben.“

 

Sie weint. Wieso hat Opa nicht gewartet? Der Hund springt an ihr hoch. „Ach, Mäx.“ Sie streichelt das Fellknäuel. Das Geräusch wird lauter. Entschlossen greift sie nach dem Korb und geht weiter.

 

Die Welt hinter dem Zaun ist anders. Fast alle Bäume hören erstmal auf, da zu sein. Dafür gibt es riesengroße Maulwurfhügel. Wie hat Opa gesagt? Splitterschutzwellen oder so was. Sie darf nur auf den Holzbrettern gehen, die auf den Hügeln liegen. Das hat er ihr mit dem Zeigefinger erklärt. Dann ist es immer total wichtig. Dann muss sie ganz genau aufpassen. Der Hund folgt ihr auf Schritt und Tritt. Das Geräusch bleibt wieder gleich weit weg. Aber die Säge braust auf. Da schon wieder.

 

Sie geht weiter. Hinter dem dritten Maulwurfhügel ist ein großes Viereck mit Bäumen drauf. „Mäx, wotsch aut. Ser it is.“ Sie zeigt auf das Viereck. Der Spitz bellt und läuft voraus. „Wät!“ Sie rennt hinterher. So schnell sie kann. Plötzlich wird das Geräusch ganz schnell ganz laut. Sie sieht sich im Lauf um. Eine grüne Gestalt auf einem Motorrad fährt da unten. Da, wo man nicht darf. Sie stolpert und kullert den Hügel hinunter, der Korb voraus. „Opa Grännpah“, schreit sie. Ihr Herz klopft so schnell wie Mamas Nähmaschine. Nein, sie will jetzt keine Angst haben. Schließlich ist sie Opas Bick Görl. Außerdem ist Mäx da, der ihr mit der roten Waschlappenzunge durchs Gesicht schlabbert. Im gleichen Moment ist es, wie wenn jemand die heisere Säge an ihr Ohr hält. Erde fliegt auf. Der grüne Mann auf dem Motorrad steht vor ihr. Mäx kläfft zähnefletschend.

 

 „It’s okay, Max“, sagt der grüne Mann und nimmt den Helm ab. Der Hund beruhigt sich sofort. Dann wendet sich der Mann ihr zu. Den hat sie schon mal gesehen. Der stand eben mit anderen in Uniform hinter dem dicken Mann im schwarzen Sack mit weißen Lätzchen. Der, der mit der Dose gesprochen hat.

 

 „My dear, what are you doing here?“ 

 

Sie weiß, was der gesagt hat. Der muss auch aus Anderland sein. Und der kennt Mäx. Dann kennt der auch Opa.

 

 „Eijäm lucking for mei Grännpah“, antwortet sie ihm in seiner Sprache.

 

„Major General Hemmingsworth?“

 

Sie rappelt sich hoch, baut sich vor dem grünen Mann auf und stemmt die Hände in die Hüften. „Jess“, ruft sie laut aus.

 

„But he passed away.“

 

„Das verstehe ich nicht.“ Der grüne Mann sieht sie komisch an. Wie wenn seine Gedanken wie Perlchen von einer kaputten Kette rutschen.

 

„Wahs mochtes du hier? Wo willst du ihm träffen?“

 

„Beim Ol‘ Ruutmänn. Aua Sigrid Pläß.“

 

„Wo is dahs, my sweetheart?“

 

Sie zögert ein bisschen. „Ei scho ju. Aber du darfst mich nicht verpetzen.“

 

„Förpäzsen?“

 

„Verraten.“

 

„O, I see.“ Er schüttelt den Kopf. „No, no. I promise.“

 

Sie lächelt. „Wann momänt, pliess.“ Sie schaut sich um. „Wotta mäss“, schimpft sie. Der Korb, die Flasche und die Dosen liegen um sie herum am Boden. Die mit den Keksen ist aufgegangen. Fast das ganze Schortbrett liegt im Sand. „Itsapittie.“ Die andere Dose, die aussieht wie ein umgekipptes Ei mit appem Kopf und platt geklöpptem Po ist zu geblieben. Die hat sie vorhin auch gemopst. Sie sammelt Flasche und Dosen auf und legt sie in den Korb auf das Badetuch, das nicht herausgepurzelt war.

 

Sie neigt den Kopf zur Seite und streckt ihre Hand aus. „Lättsgo.“ Sie zerrt den grünen Mann hinter sich her, den Griff vom Korb im Ellenbogen eingeklemmt. Der Spitz zottelt nebenher.

 

„Wots jur näm, Mista?“

 

„Chris. And you are Emma, aren’t you?“

 

„Jess. Eijäm Emma.“

 

In der Brusttasche vom grünen Mann mit Namen Kriss piept es. Er zieht ein schwarzes Ding heraus, das aussieht wie ausgepackte Blockschokolade. Da spricht er etwas rein, das sie nicht versteht. „Kammon, Kriss.“ Opa wundert sich sicher schon, wo sie bleibt. Ob er böse mit ihr ist, wenn sie jemanden mitbringt? Sie bleibt stehen. Auch der Mann stoppt. „Kann Opa Grännpah dich gut leiden?“ Sie blickt ihm in die Augen.

 

„Pardon me?“ Er guckt unsicher.

 

„Mag Opa dich?“

 

„O, yes. Isch bin ein Freund aus Inglend. Isch war fruher auch hier.“ Ein Freund aus Inglend. Das ist in Anderland. Dann freut Opa sich bestimmt.

 

Bald erreichen beide das Viereck. Vorne am Eingang stehen kleine Birken. Dahinter werden die anderen Bäume immer höher. Irgendwo in der Mitte ist der Ol‘ Ruutmänn.

 

Sie geht weiter. Kriss und Mäx folgen ihr. Vor einem Erdklumpen bleibt sie stehen. „Wo ist Opa?“

 

„He is gone, Emma.“

 

„Was heißt das?“

 

„Er ist ge-gan-gen.“

 

„Ja, das weiß ich. Vorangegangen. Hat der dicke Mann doch eben gesagt. Aber warum ist Opa vorangegangen? Und wohin?“ Sie stampft mit dem Fuß auf.

 

„Dä dicke Mahn?“

 

„Der aussieht wie ein schwarzer Ballon und eben vor der Dose stand.“ Sie zeigt auf das Ei. „Die Dose mit der Asche von Opa. Der hat gesagt, der schickt die zurück in Opas alte Heimat nach Anderland.“ Sie weint. „Aber die Asche gehört doch Opa. Und wenn er gleich wiederkommt und die is weg?“ Ihr Weinen geht in Schluchzen über. Kriss nimmt sie in den Arm und schweigt, bis er auf einmal sagt: „Little darling, can you keep a secret?“ Er hält den Zeigefinger vor den Mund und macht „Psst“. Dann hebt er das Ei vorsichtig aus dem Korb und verbuddelt es in einem Erdloch vor dem großen Klumpen, in dem die Füße von Ol‘ Ruutmänn stecken. Emma klatscht in die Hände. „Magst Du Schortbrett, Kriss?“